Manuskript zum Kontrafunk-Audimax am 16. März 2025

Teil 1: Foresight und Foresight-Katastrophismus als Manipulationsmethode
1. Futurologische Vorausschau: Foresight und Scenario planning in den USA
Futurologische Vorausschau, auf englisch Foresight, ist eine ursprünglich militärische Technik, mit der individuelles und kollektives Verhalten manipuliert wird. Es handelt sich um eine Anwendung des kybernetischen Prinzips der vorlaufenden Rückkopplung, das zuerst im 2. Weltkrieg vom britischen Militär für die Flugabwehr der deutschen Bombenangriffe praktisch genutzt wurde. Nach 1945 ist es u.a. durch die US-amerikanische RAND-Corporation von der Waffentechnik auf die manipulative Steuerung von Gesellschaften übertragen worden – zuerst im propagandistischen Kampf gegen den sowjetischen Kommunismus, spätestens seit den amerikanischen Anti-Vietnamkriegs-Protesten aber auch im Kampf gegen die emanzipativen Bürgerbewegungen im eigenen Land. Eingegriffen wird mit den Foresight-Maßnahmen nicht dort, wo die Bombe einschlägt oder der Protest ausbricht. Vielmehr werden Widerspruch und Protest in der Bevölkerung so vorausberechnet und gesteuert, dass der Eingriff sie mit Sicherheit noch vor ihrem Ausbruch vernichtet. Praktiziert wird die Methode auch im Organisations- und Change-Management privater Unternehmen sowie in staatlichen und globalen Regierungsorganisationen. Auch hier herrscht die Idee, dass man Probleme nicht mit Motivation, Kreativität und Sachverstand in dem Moment löst, wo sie eintreten, sondern antizipativ-vorauseilend und mit quasi-mathematischer Präzision.
Gegenwärtig dient Foresight dazu, technische Innovationen durchzusetzen, die als Hochrisikotechnologien unbeliebt sind, die aber als entscheidender Faktor im geostrategischen Technologie-Wettrüsten gelten.Foresight ist DIE Methode der „Planung des Ungeplanten“. Im Scenario planning und mit table-top-Übungen werden Worst- und Best-Case-Szenarien erarbeitet und durchgespielt. In der verschwurbelten Sprache der vorausschauenden Experten dient das dazu, günstige und „ungünstige Bedingungen [zu] erkennen, Politik [zu] lenken, Strategien [zu] gestalten, neue Märkte, Produkte und Dienstleistungen“ sowie „unkonventionelle Möglichkeiten der Organisationspolitik [zu] erschließen“. Wenn sich später durch einen historischen Zufall die Gelegenheit für einen forcierten Technologiedurchbruch abzeichnet, dann wird das jeweils günstigste Szenario aus der Schublade geholt. Dann geben die vorbereiteten Szenarien nützliche Trugbilder ab, wie die Vorausschau-Experten eingestehen. Mit diesen Trugbildern setzen sie zuerst sich selbst und dann die politischen Entscheider sowie die breite Bevölkerung unter einen berechneten Handlungsdruck. Dasjenige Szenario, das aus Sicht der Experten historisch und zweckbezogen am besten passt,wird wie ein Gerücht breit gestreut, um alle auf die gewünschte Reaktion einzuschwören.
So haben es diese Foresight-Technologen geschafft, dass heute die Kritiker der Hochrisikotechnologien als ihre gefährlichste Nebenwirkung angesehen werden. Sie haben von Oma und Opa gelernt, denen damals die Atomkraftgegner gefährlicher erschienen als die Atomkraft selbst. Die gute Gesellschaft hat heute mehr Angst vor einem sogenannten Impfgegner, der die AfD wählen könnte, als vor der massenhaften Ausbeutung hochsensibler medizinischer Daten durch die europäische EHDS-Verordnung und die Digital-Health-Citizen-Ideologie der UNO. Mehr Angst gar als vor dem neuen, zwanghaften Kriegs- und Rüstungswahn. Das ist das Ergebnis der futurologischen Vorausschau, mit der Gesellschaft und Individuum manipulativ auseinandergenommen und für Zwecke wieder neu zusammengesetzt werden.
Grundlage für die Szenarien sind umfangreiche Datensammlungen, die unter Einsatz digitaler Techniken immer weiter perfektioniert werden. In der spekulativen Foresight-Futurologieheißen diese Datensammlungen horizon scanning: Der Horizont der Möglichkeiten wird abgesucht. Man beruft Experten-Workshops ein oder auch Bürgerräte, bei denen die geladenen Bürger als Experten nur umschmeichelt werden. Gemeinsam begibt man sich auf eine spekulative Zeitreise. Die Zukunft wird wie auf einer Schatzsuche erkundet. Dazu nutzt man bestimmte Präsentations- und Moderationstechniken, mit denen man Visionen, Geschichten, Mythen, Wünsche, Ängste, Hoffnungen oder Spekulationen über Wahrscheinlichkeiten sammelt – alles, was die subjektive Intuition und Imagination hergibt. Wie sonst, fragen diese Experten, »soll man die Zukunft studieren, wenn sie noch nicht stattgefunden hat?”. Man müsse aus dem engstirnigen Silo-Denken herauskommen und sich für innovatives Denken öffnen.
Die von Paul Schreyer untersuchten Pandemieplanspiele geben instruktive Beispiele für dieses Vorgehen ab: Beispielsweise veröffentlichte die Rockefeller-Foundation im Jahre 2010 vier Szenarien unter dem Titel „Scenarios for the future of technology and international development“. Verantwortlich war die sogenannte Research Unit der Stiftung, also angeblich eine Forschungsabteilung. Ihre Protagonisten kamen u.a. aus dem Global Business Network (GBN), das sich selbst als „hochrangige Netzwerk- und Unternehmensforschungsagentur“ vorstellt. Einer ihrer Gründer, der Futurologe Peter Schwartz, sitzt zugleich im militaristischen Center for a New American Security. Im Internet gibt das Center an, für „Kriegsspiele und Scenarioübungen zur Erkundung militärischer und nichtmilitärischer Themen“ zuständig zu sein. Es sucht nicht nur nach „schnellen Reaktionen auf dringende Herausforderungen wie den russischen Expansionismus“. Es sucht auch nach effizienten Reaktionen auf „inländischen Extremismus und Polarisierung“. Es ist kein Zufall, dass in dieser militärischen Diktion zwischen Extremismus und Polarisierung nicht unterschieden wird: Polarisierende, sprich abweichende Meinungen zum Technologiewettrüsten werden als extremistisch eingestuft, damit sie schon im Voraus abgeschossen werden können.
2. Sprache in der Foresight-Technik: Sprache des notwendigen Erfolgs
Zerstört und wieder neu festgelegt wird bei diesen aggressiven Abenteuerreisen zuallererst die Sprache. Um sich Zukunftsszenarien vorzustellen, versetzen sich die Planspieler imaginativ in die Zeit nach einer solchen Katastrophe, die sie dafür zuerst phantasievoll heraufbeschwören. Als wären sie Erzähler, wählen sie dabei die Perspektive der vollendeten Vergangenheit. Sie erzählen sich gegenseitig, was alles Schlimmes passiert war, bevor die neuen Rettungs-Technologien eingeführt und die Bevölkerungen durch sie sehr glücklich wurden. Durch fiktive Rückschau schauen sie in die Zukunft voraus. Mit diesem sprachlichen Trick steigern sie sich in ihre Phantasien darüber hinein, was alles passieren muss und was schließlich passiert sein muss, damit die Technologien nicht mehr auf Widerstand stoßen. Sie katapultieren sich mit ihrer pseudo-historischen Perspektive kollektiv in eine Stimmung der Zwangsläufigkeit hinein. Denn die Vergangenheit, die sie sich erzählen, ist – wie jede abgeschlossene Vergangenheit – unwiderruflich. Was einmal passiert ist, das kann niemand mehr zurücknehmen. Vollendetes Geschehen diskutiert nicht. Es kann im Nachhinein nicht geändert, sondern muss von allen gleichermaßen zwingend akzeptiert werden. Dieses Zeitgefühl mit diesem Druck des Notwendigen wird von den Planspielern absichtlich auf die Zukunft übertragen. Sie nehmen damit die gewünschten späteren Entscheidungen als unvermeidlich vorweg, sie verpflichten sich auf die Umsetzung ihrer Szenarien. Sie verschaffen sich den Eindruck, die Zukunft absolut zu beherrschen und nach ihren Wünschen regelrecht zu vollstrecken. Kleinkinder würden in der Phase des Spracherwerbs sowieso zwischen gestern und morgen nicht unterscheiden können. Diese besondere anthropologische Begabung müsse für eine neue Sozialpsychologie der Zukunft genutzt werden.
Als eines der wichtigsten Ziele des scenario planning nennt der bei Rockefeller damals führende Futurologe und Militärexperte Peter Schwartz ausdrücklich eine neue Sprache. Sie soll es sein, die das engstirnige Silo-Denken aufhebt und ein „breiteres und tieferes Verständnis“ der Möglichkeiten zum Technologieeinsatz schafft. Komplex muss sie nicht sein, sie muss nur die Grenzen des Herkömmlichen sprengen. Denn wenn die Sprache auf „überraschende Weise“ in „unerforschte Gebiete“ ausgedehnt wird, wird auch die Wahrnehmung verändert. Das Denken wird verändert und schließlich die Praxis und soziale Wirklichkeit. Zukunft wird gemacht.
Mit ihrer neuen, visionären und kindischen Sprache erfanden die Rockefeller-Experten damals unter dem Titel eines Lockstep-Szenarios eine Pandemie, die „extrem virulent und tödlich für gesunde junge Erwachsene“ war bzw. später einmal sein würde. In der Grammatik der vollendeten Vergangenheit schufen sie damit die alternativlose Notwendigkeit, auf eine solch furchtbare Pandemie mit nichts anderem zu reagieren als mit den von ihnen gewünschten technischen Innovationen: mit dem Gleichmarsch der Gesellschaftsmaschine im Lockstep und vor allem mit der Einführung digital-militärischer Technologien zu ihrer Überwachung. Die neue Expertensprache erlaubte es ihnen zu denken; ich zitiere die Übersetzung von Norbert Häring auf seinem Blog: „Die Bürger waren duldsamer und sogar begierig auf Führung und Aufsicht von oben und die nationalen Führer hatten mehr Spielraum, um die Ordnung so durchzusetzen, wie sie es für richtig hielten. … zum Beispiel durch … biometrische Ausweise für alle Bürger“.
3. Die Sprache des französischen Katastrophismus
„Überwachung für alle Bürger“ hier und „mehr Spielraum“ für die globalen und nationalen Führer dort: Was für die einen der Worst Case ist, das ist für die anderen der Best Case. Sachliche Prognosen und wissenschaftliche Risikoabwägungen bei der Gefahrenprävention erübrigen sich, wenn rechtzeitig feststeht, wer von einer historischen Gelegenheit profitieren soll. Genau das galt in der Zeit des globalen Corona-Managements. Das futurologische Foresight-Ziel, das ab März 2020 öffentlich verbreitet wurde, war genauso phantasievoll und strikt festgelegt wie das Rockefeller-Lockstep-Szenario: Einen Best-Case der Technologieeinführung verlautbarten Experten wie Bill Gates mit seiner Impfpropaganda in der Tagesschau zwar nur ausnahmsweise. Als hauptsächliches Ziel ihrer erzwungenen Lockdown- und Gleichmarsch-Entscheidungen gaben sie vielmehr an, den Worst-Case eines Massensterbens verhindern zu müssen. Vor allem aber mussten Zweifel, Kritik und Protest vorausschauend abgeschossen werden. Für beides erwies sich die öffentliche Manipulation mit Worst-Case-Szenarien als hocheffektiv: für den Verkauf der Technologien wie auch für die vorzeitige Abschaltung ihrer Kritiker.
Um zu zeigen, wie die Foresight-Experten auf ihrer Corona-Schatzsuche das engstirnige Denken und die engstirnige Sprache erweiterten, gehe ich nach Frankreich. Dort wurde die Manipulation mit Worst-Case-Szenarien unter der Bezeichnung Katastrophismus entwickelt, zuerst im März 2001 in den Hinterzimmern der französischen Regierung. Von hier aus erreichte der Katastrophismus die akademische und allgemeine Öffentlichkeit, wo er spätestens seit 2015 Widerspruch bekommt. Die Umweltphilosophin Catherine Larrère und ihr Mann, der Agronom Raphael Larrère veröffentlichten im Jahr 2020 eine Streitschrift. Darin schreiben sie, wichtige Protagonisten der französischen Grünen-Partei Les verts seien bereits bei den Präsidentschaftswahlen 2002 „zum Katastrophismus konvertiert“. Diese Manipulationstechnik, die also um das Jahr 2000 herum entwickelt wurde und den amerikanischen Foresight-Manövern so ähnlich ist, nenne ich Foresight-Katastrophismus.
Die sprachliche Methode kann man am Beispiel eines Interviews sehen, das die französische Tageszeitung Le Monde Anfang Juli 2020 mit dem damals 78-jährigen Philosophen Jean-Pierre Dupuy veröffentlichte. Dupuy ist studierter Ingenieur und emeritierter Professor für Philosophie und Wissenschaftsethik an der École Polytechnique in Paris, außerdem Professor für Französisch und Italienisch an der Stanford University in Kalifornien. Das Interview in Le Monde führte ihn zu der Frage, ob „die Alten den Jungen“ wohl etwas schuldig sind, weil „die Jungen“ ja, ohne selbst von der Epidemie bedroht zu sein, in den Lockdown gesperrt wurden. Die Frage beschied er ganz klar negativ. Denn, so sagt Dupuy wörtlich, in meiner Übersetzung: „Wenn jemand, der mir nach dem Leben trachtet, darauf verzichtet, mich umzubringen, habe ich dann ihm gegenüber eine Schuld?“
Diese halluzinatorische Äußerung kann man ohne Kenntnis des Foresight-Katastrophismus nicht verstehen: Dupuy entwickelt und verbreitet hier ein Worst-Case-Szenario, das aggressiver kaum formuliert sein kann, ganz offensichtlich realitätsverzerrend ist und das die Grenzen der Vorstellung und des Sagbaren sprengt. Kinder und junge Menschen imaginierte er als Mörder, die ihm „nach dem Leben trachten“, dann aber in ihrem Lockdown so freundlich waren, darauf zu „verzichten“, ihn „umzubringen“. Ihr natürliches menschliches Verhalten kriminalisierte er auf groteske Weise als Heimtücke. Um es mit dem Zynismus der militaristischen Feindbildexperten zu sagen: Dupuy hat hier das Reden über Kinder und junge Menschen sehr weit in unerforschte Gebiete ausgedehnt. Wer ihm in seinen Corona-Interviews aufgeschlossen zuhörte, der bekam ein viel breiteres und tieferes Verständnis davon, wie man Kinder und Jugendliche für Zwecke benutzt. Systematisch wurden sie als Pandemietreiber, Pestratten und Mörder beschimpft. So machte man sie zum personifizierten Katastrophensignal, um sich und andere auf einen Aktivismus des Ausnahmezustands einzuschwören. Überreaktionen wurden systematisch eintrainiert. Auch Jean-Pierre Dupuy verfuhr dabei nach dem Prinzip der vorlaufenden Rückkopplung: Er wollte sich seine Katastrophengeschichte von einem glücklichen Ende her denken, das ungefähr heißt:
Bevor ich mich bei einem Kind oder Jugendlichen mit dem Virus anstecke, muss ich mir sagen: Es sind feige Mörder, sie trachten mir nach dem Leben. Danach richte ich mich. Dann werde ich im Nachhinein erfolgreich auf mein Epidemie-Verhalten zurückschauen und mir nichts vorwerfen müssen. Ich werde nicht leichtsinnig gewesen sein und mich immer von ihnen ferngehalten haben, sie werden mich nicht umgebracht haben können!
Katastrophismus ist, wie die Foresight-Methode allgemein, Sprechen und Denken in den grammatischen Formen der vollendeten Zeit: Der Ingenieur Dupuy spricht etwas weniger smart als die US-amerikanischen Berater. Er nimmt nicht die vollendete Vergangenheit, sondern lieber das Futur II. Es wird auch Futurperfekt genannt, weil es für die vollendete Zukunft steht. Mit ihm wird die Zeitenfolge noch mehr pervertiert: Der Katastrophist versetzt sich angestrengt in die Zeit nach der vorweggenommenen Katastrophe,die er verhindern will. Er sieht nicht aus seiner Position der Gegenwart in eine ungewisse, offene Zukunft voller Möglichkeiten. Er blickt umgekehrt auf seine Gegenwart aus der Sicht einer Zukunft, die er als bereits abgeschlossen betrachtet. Er malt sie sich als unübertreffliches Schreckensszenario aus, mit der Idee, dieses Szenario am Ende überlebt zu haben und überlebt haben zu müssen.
Die Sprachmanipulation betrifft zudem die Wortwahl: Katastrophisten benutzen Handlungs- und Vorgangsverben wie bspw. überleben, siegen, sterben oder jn. umbringen, etwas zerstören, etwas vernichten oder retten. Mit Verben dieser Bedeutungskategorie wird die perfektive bzw. resultative Aktionsart ausgedrückt. Für Aussagen über die Zukunft ist das genauso unsinnig wie das Futur II. Denn hier können wir nur von Projekten und Absichten sprechen. Wir sprechen unter dem Aspekt des Anfangens, Losgehens, Versuchens, nicht unter dem Aspekt der Vollendung. Aber die perfektiven Verben, die die Katastrophisten für ihre Zukunft verwenden, sind auf ihr eigenes Ziel und Ende ausgerichtet – auch im übrigen die gleichbedeutenden Substantive und Adjektive. Sie nehmen das Ergebnis vollständig vorweg. Man kann nicht ein bisschen sterben, ein bisschen tot sein oder jemanden ein bisschen umgebracht haben. Gestorben, gemordet und auch gesiegt wird nur total. Jedesmal ist es ein Ausdruck des vollkommenen Erfolgs oder Scheiterns, der tatsächlich nicht durch Vorausschau, sondern nur aus der Rückschau einen Wahrheitswert bekommt. Katastrophisten sehen keine kleinen, abgewogenen Schritte: Für sie geht es um alles, es wird um alles gegangen sein!
Von der Wirkung seiner eigenen manipulativen Anstrengungen beeindruckt, verzerrt der Katastrophist schließlich auch die Modalität, in der er von der Zukunft spricht. Es ist dieselbe Autosuggestionsmethode wie bei den Rockefeller-Stories: Katastrophisten sehen das von ihnen herbeiphantasierte Schreckensszenario nicht als eine Möglichkeit, die sich später ereignen kann, bloß ereignen könnte oder eher nie. Dass es irgendwann in der Zukunft zum Wesen von Kindern und Jugendlichen gehört, wie niederträchtige Mörder ihre Großeltern und Lehrer umbringen zu wollen, das ist ja nicht abzusehen. Aber Katastrophisten zwingen sich zu denken, dass eine solche Katastrophe mit Notwendigkeit ganz gewiss wird passiert sein müssen: „Ob wir es wollen oder nicht“, rief auf dem deutschen Grünen-Parteitag im Oktober 2022 die damalige Bundesgeschäftsführerin: „Ob wir es wollen oder nicht – am Ende werden wir die Welt gerettet haben müssen“. Das sollte heißen: Anderenfalls, wenn es uns, die grüne Rettungspartei, nicht gäbe, wird die Welt demnächst untergegangen sein müssen.
Durch diese umständlichen Verbformen und Satzgebilde klingt die Sprache, die die europäischen Foresight-Sozialingenieure in ihren internen Zirkeln befolgen, zwar viel hölzerner als die schönen Stories der Rockefeller-Foresight-Berater.Aber die aggressive, autosuggestive Wirkung ist hier wie da dieselbe: Wenn sie unter sich sind, versetzen sich die Experten in eine Stimmung der historischen Notwendigkeit, der allgemeinen Verbindlichkeit und des zwangsläufigen Erfolgs hinein. Planmäßig zerstören sie die Grenzen zwischen heute, gestern und morgen, das heißt: die Grenzen zwischen zukünftiger Möglichkeit und historischer Notwendigkeit, zwischen Fiktion und Realität also. Vor allem werden die ethisch-moralisch relevanten Handlungsmodalitäten von Müssen, Können und Wollen nicht mehr unterschieden. Das führt zur vollständigen Beliebigkeit. Die Grenzen zwischen Machbar und nicht Machbar, zwischen Erlaubt und Verboten werden gezielt übertreten. Die Experten verschaffen sich damit eine nachhaltige Bereitschaft zum willkürlichen und sachfremden Handeln.
In der Folge zieht jede dieser sprachlichen Manipulationen eine weitere nach sich: Denn wenn die Katastrophe mit notwendiger Sicherheit wird stattgefunden haben müssen, dann müssen sich alle dieser Katastrophe unterwerfen – ob sie das wollen oder nicht. Was diese Experten sich selbst sagen und einreden müssen, das müssen sie erst recht den politischen Entscheidern und der ausführenden Bevölkerung sagen und einreden. Erst zwingen sie sich, dann alle anderen.
Zu erinnern ist an den deutschen Corona-Chefexperten Christian-Drosten. Seine Grundqualifikation und sprachliche Kompetenz ist diejenige eines Foresight-Experten. Am 11. März 2020 kommentierte er in seinem NDR-Corona-Podcast die Bilder aus Bergamo: Sie waren damals noch völlig unverstanden, wirkten aber telegen katastrophistisch. Drosten nahm sie also für seine Foresight-Zwecke und meinte: „Wir müssen jetzt … sagen: So wird das kommen“. Das sollte heißen: in Deutschland so schlimm wie in Bergamo! Noch in ein und demselben Satz mahnte er Nüchternheit und Wertschätzung für Wissenschaft an, doch Drosten verhöhnte damit nur sein Publikum. Denn er selbst beschwor gleich im Anschluss eine Anzahl weiterer Schreckensszenarien herauf: Nachdem er das sehr gute PCR-Laborsystem in Deutschland gelobt hatte, drängelte er, dass sich die politischen Entscheider darauf nicht ausruhen dürften. Er drohte wörtlich: „Wir können jetzt unsere erkannten Infektionsfälle nehmen […] und […] voraussagen, wie viele Tote wir in einem Monat haben.“ Der vorausschauende Experte suggerierte damit, dass „jeder heutige Infizierte schon im nächsten Monat tot“ und gestorben sein würde. Listig fügte er hinzu: „Aber wollen wir wirklich so lange warten?“
Als wenige Tage danach flächendeckende Schulschließungen und der Lockdown beschlossen worden waren, ging es nur noch darum, die Bevölkerung aufs gehorsame Mitmachen einzuschwören. Das war der Gegenstand des „vertraulichen Strategiepapiers“, das ab 18. März von anderen Foresight-Beratern für das Bundesinnenministerium angefertigt wurde. Sie schrieben in ihrem Papier:„Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren“ sei „das Verschweigen des Worst Case keine Option.“ Auch diese Experten nahmen die abgeschlossene Zukunft vorweg, sie verstiegen sich sogar dazu, den „Helferinnen und Helfern“ ihrer Katastrophenkampagne sei „schon jetzt politisch zu danken“. Namentlich und ausdrücklich wurde dem Fußballer Joshua Kimmich gedankt. Er sollte allerdings später – in der realen Zukunft und ganz gegen dieses irrlichternde Konzept – den Eigensinn besitzen, dem Katastrophismus nicht auf den Leim zu gehen. Die offizielle Empörung darüber, dass sich Kimmich dem grandiosen Rettungsversprechen der COVID-Injektionen erst einmal nicht beugte, musste groß sein. Schließlich hatte man ihm für die große Leistung, die er letztlich werde erbracht haben müssen, im Voraus bereits gedankt.
4. Die Rationalität des Menschen
Es war Jean-Pierre Dupuy, der die katastrophistischeTechnik als Theorie entwickelt hat: Als Berater der französischen Regierung unterbreitete er sie im März 2001 ihrer Generalplanungskommission für Wirtschaftsfragen. Zu diesem Anlass versah er sie mit dem Werbetitel eines aufgeklärten und rationalen Katastrophismus. Panik schüren wolle er nämlich keinesfalls. Er wolle nur mehr Effizienz bei der Katastrophenbekämpfung. Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Foresight-Experten wollte er mit dem manipulativen Worst-Case technologische Hochrisiko-Innovationen nicht forcieren, sondern verhindern.
Sie erinnern sich: Da waren mal in den 70er und 80er Jahren die Soziologen der Risikogesellschaft, in Deutschland Ulrich Beck beispielsweise. Da war – besonders in Frankreich und USA – die Bewegung der politischen Ökologie oder auch in Deutschland und Frankreich die Partei der Grünen. Sie alle warnten nicht nur vor der Atomenergie, sondern auch vor den Gentechnologien, den Bio- und Nano-Technologien sowie später auch vor den digitalisierten Informations- und Kognitionstechnologien. Der Mensch, so argumentierten sie, könne die Langzeitwirkungen dieser technischen Eingriffe nicht beherrschen. Die Fluorkohlenwasserstoffe dienten damals als führendes Beispiel. Denn FCKW war seit den 30er Jahren völlig unbedenklich zum Einsatz gekommen, galt aber nun als Ursache für das Ozonloch. Solche technischen Innovationen könne man mit der klassischen Gefahrenprävention, mit Nutzen-Risiko-Abwägungen und mit der wissenschaftlichen Kunst der Prognose nicht mehr beherrschen, auch nicht mit der Kritik an politischen oder wirtschaftlichen Interessen.
An diesen Diskurs schließt Dupuy an. Die Wurzel des Übels sei allein die defizitäre metaphysische Grundausstattung des Menschen. Der Mensch lebe mit einem grundfalschen Zeitgefühl: Schließlich gäbe es genügend historische Beispiele für große Katastrophen, die dem Menschen zeigen, dass sich das Allerschrecklichste völlig unangekündigt ereignen kann; die Systemtheorie der Kippunkte habe das zudem theoretisch erkannt. Aber selbst wennder Mensch weiß, dass mit Sicherheit etwas auf ihn zukommt, das ihm »die Adern gefrieren lassen müsste«, und ernur das Datum noch nicht kennt, »schafft« er es trotzdem »nicht, dieses Wissen in Glauben zu transformieren«, so Dupuy. Man weiß, dass man sterben muss, aber man glaubt es nicht, weil man den eigenen Tod noch nicht erlebt hat. Deshalb, meint Dupuy, glaubt auch niemand daran, dass wegen der neuen technischen Risiken die Katastrophe mit Sicherheit irgendwann kommen muss. Die Katastrophe findet zu selten statt. Dupuy kopiert den deutschen Philosophen Hans Jonas und schlussfolgert: Also „muss“ die Furcht „absichtlich beschafft werden“. Auch Hans Jonas hatte sich, als er diese Forderung 1979 in seinem Buch über das „Prinzip Verantwortung“ aufstellte, auf die vorlaufende Rückkopplung bezogen. Er sprach von „vorwärtsgedachter Kausalität“ und erläuterte: „Der vorgestellte Endeffekt soll zur Entscheidung führen, was jetzt zu tun und zu lassen ist“.
Das Menschenbild dieser Philosophen könnte rationaler kaum sein. Der Mensch reagiert auf sinnliche Reize reflexhaft, wie der Rechner auf Signale. Wenn er also ausschließlich das fürchtet, was er selbst erlebt hat, dann muss man ihm das reale Katastrophenerlebnis schon jetzt verschaffen. Man muss ihn die kommende Katastrophe schon jetzt so deutlich spüren lassen, dass sie ihn unmittelbar in Furcht, Glauben und Gehorsam zwingt. Der erbärmliche Mensch, der mit seinem falschen geschichtlichen Zeitgefühl blind in den Abgrund läuft, ist programmierbar: Und da er so zerstörerisch wie unbelehrbar ist, heißt das für diese Gesellschaftsingenieure nicht, dass er programmiert werden kann. Es heißt, dass er programmiert und umprogrammiert werden muss.