(Manuskript zum Kontrafunk-Audimax am 16. März 2025
Teil II: Die Foresight-Falle in der digitalisierten Gesellschaft
1. Die Technik ist autonom; sie braucht keine intelligenten Strategien und Entscheidungen
Am Ende des globalen Corona-Foresight-Managements ist Jean-Pierre Dupuy zum tragischen Beispiel für einen Revolutionär der Risikogesellschaft geworden: Mit seinen katastrophistischen Berechnungen wollte er die Gentechnologien, Nano- und Kognitionstechnologien unfehlbar effizient bekämpfen. Deshalb praktizierte er noch in der Corona-Zeit seinen aggressiven Foresight-Katastrophismus. Er praktizierte also eine manipulative Kognitionstechnologie, in deren Ergebnis mit den modRNA-Stoffen eine neue, hochriskante Gen- und Nano-Technologie eingeführt worden ist. Die technische Innovation des digital koordinierten Lockdowns im gesellschaftlichen Gleichmarsch – inklusive digitaler Überwachungstechniken – ging ihnen voraus. „Biometrische Ausweispflichten für alle Bürger“ wurden eingeführt. So geht die moderne Irrtumstragödie der Gesellschaftsingenieure: Wie Ödipus wollte Dupuy aus der menschlichen Zeit und Geschichte aussteigen.Wie Ödipus hat er sie am Ende bloß verfehlt.
Das liegt an der Autonomie der Technik. Alle Techniken, auch die Techniken der Gesellschaftsoptimierung, verselbständigen sich. Die Sozialingenieure haben sie selbst nicht in der Hand. Sie maßen sich an, die Zukunft wie Götter zu vollstrecken. Doch genau durch diese Anmaßung berauben sie sich derjenigen Geschichtsmächtigkeit, die sie als Menschen tatsächlich haben. Um in der irdischen Geschichte zu wirken, bräuchte man nämlich kluge Strategien.
Doch eine Methode wie der Foresight-Katastrophismus ist alles andere als eine intelligente Strategie: Mit einer Strategie richtet man sich durch erfahrungsbasierte Chancen-Risiko-Abwägungen, durch Planung und Prognose auf ein Ziel aus, von dem man weiß, dass man es trotz allem verfehlen kann. Man weiß, dass man es mit der offenen Zukunft zu tun hat, die man als Mensch nicht kennen, nicht steuern und nicht kontrollieren kann. Die Zukunft bleibt ein Möglichkeitsraum, der zwar gestaltbar, aber nicht fixierbar ist. Selbst wenn man sich ein fokussiertes Ziel setzt, gibt es immer noch mehrere Möglichkeiten, sich diesem Ziel anzunähern. Man setzt sich also überschaubare Teilziele, die je nach zeitlichem Ablauf flexibel angepasst werden. Nicht nur die Mittel, auch die Ziele selbst werden angepasst, weil der Stratege geschichtlich denkt und die veränderte geschichtliche Lage nicht ignoriert. Für diese Flexibilität braucht er Erfahrung und Wissen im Umgang mit dem Pluralismus alles Menschlichen.
Foresight-Katastrophismus dagegen ist eine Technik: Wie alle Technik produziert er Ergebnisse nach einem quasi-mathematischen Programm. Eine Steuerungsfunktion wird ausgelöst, die geregelte Kopplung von In- und Outputverhältnissen, die keine Geschichte kennt, sondern als Apparatur höchstens dem Verschleiß unterliegt. Wer das Sprechen und Denken in der vollendeten Zeit sowie in der Modalität des Müssens praktiziert, der schließt mechanisch die Zukunft als Möglichkeitsraum ab. Das gilt beim Worst-Case wie beim Best-Case gleichermaßen: Man stellt sich die Zukunft mit lauter vollendeten Pseudo-Tatsachen zu. Zukunft wird dichtgemacht, und das heißt:
Die menschliche Gestaltungskraft. Genau das wollen zwar die Foresight-Ingenieure. Aber sie haben sich verkalkuliert. Der Mechanismus unterwirft die Menschen, ja. Aber er unterwirft beide Seiten. Wer Strategien einsetzt oder noch sucht, der rechnet mit der Intelligenz eines gleichwertigen Gegners: der geniale Feldherr beispielsweise oder der Schachspieler, der seinen Herausforderer schlagen will. Wer dagegen solche Rückkopplungs-Techniken einsetzt, der rechnet mit automatischen Anpassungsleistungen von Leuten, die er sich gar nicht dumm und abhängig genug vorstellen kann. Zustimmung findet die Technik bei denen, die glauben, am Hebel zu sitzen. Sie halten sich für souverän. Aber die Automatisierung braucht die menschliche Intelligenz nicht, schon gar nicht die Intelligenz derer, die sich für klüger halten, nur weil sie eine Maschine bedienen. Wenn es außerdem so ist, dass Strategien,„in einen […] verdeckt gehaltenen Handlungsplan eingebunden“ sind, dann werdenTechniken nicht verdeckt, sondern ganz offen praktiziert. Die Strategien eines Gegners sind interessant zu entdecken und sinnvoll zu konterkarieren. Die offen menschenunwürdige Maschine dagegen macht sich, wenn sie stottert und klemmt, nur lächerlich. Sie kann nur abgeschaltet werden. Diese stotternde Maschine – das war die Corona-Gesellschaft als Ganze bzw. als funktionierende Mehrheit. Wer so funktionierte, wie es die Foresight-Anwendung vorsah, der wollte keine einzige Entscheidung diskutieren. Der verfuhr lieber nach dem katastrophistischen Imperativ: Bevor wir es auch nur ein bisschen falsch machen, machen wir es lieber vollkommen richtig. Es war wie bei der Flugabwehr: Die Katastrophe wurde in jeder öffentlichen und privaten Äußerung beschworen, um sich gegen die eigenen, inneren Zweifel und gegen fremde Kritik zu immunisieren. Alle störenden Fragen wurden abgeschirmt, ausgeblendet, weggewischt. Man lauerte überall nur auf Katastrophensignale. Über den offensichtlichen Betrug mit dem herbeigesteten Worst-Case sah man angestrengt hinweg, auch über die Boshaftigkeit, Lächerlichkeit und Unsachlichkeit der Maßnahmen. Schnell war eine eingeschworene Gemeinschaft entstanden, die für Wissenschaft und Erkenntnis, für Deliberation und Demokratie nicht mehr zugänglich war. Anstatt informierte und abgewogene Entscheidungen zu treffen, die trotz allem immer fehlgehen können, nahm man immer nur die von der Vorausschau-Apparatur vorfestgelegte Entscheidung.
2. Der technische Imperativ und die Foresight-Falle
Solche Entscheidungen sind aber gar keine Entscheidungen. Denn wer, aus einem technischen Programm heraus, zwischen vollendeter Vergangenheit und offener Zukunft, zwischen Realität und Fiktion nicht unterscheidet, ist zur Entscheidung nicht in der Lage: Der fragt nicht, ob er will, kann und darf, was er auf Wunsch oder Anweisung muss und soll. Die Unterscheidung dieser Handlungsmodalitäten und die ethische Reflexion sind abgeschafft.
Als geschichtliche Entwicklung ist dieser Verlust der Entscheidungsfähigkeit bereits 1954 von dem französischen Soziologen und Juristen Jacques Ellul beschrieben worden. In seinem Buch mit dem Titel „Die Technik oder die Herausforderung des Jahrhunderts“ analysierte Ellul seine zeitgenössische Gesellschaft als technisierte Gesellschaft. Hier ist Technik nicht mehr nur ein materielles Phänomen, sondern universelles Handlungsprinzip. Es geht um die technisch durchorganisierte Gesellschaft, wo alle Aktivitäten – wie bei einer Maschine – so koordiniert werden, dass, dem Anspruch nach, Ziele effektiv erreicht werden. Diese Gesellschaftsmaschine beherrscht schließlich auch die individuelle menschliche Lebensweise im Alltag.
Denn, so sagt Ellul, in der technisierten Gesellschaft läuft man in allen Lebensbereichen nur noch dem stillen technischen Imperativ hinterher: Von einem ethisch verantwortungsbewussten Imperativ wie dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants kann der technische Imperativ kaum weiter entfernt sein. Er heißt – ungefähr: „Pass dich den technisch-organisatorischen Abläufen an! Nutze den Apparat, sei effizient: Nimm das Ergebnis vorweg bei allem, was du tust, und tue nichts, wo du dir über den Erfolg noch unsicher sein musst. Mach nur, was du mit Sicherheit regeln und beeinflussen kannst.“
Dieser technische Imperativ ist ein Foresight-Imperativ. Das eigene Handeln wird in eine Zukunft vorausprojiziert, die man sich als vollendet, notwendig und sicher beherrschbar vorstellt. Das ist ein Strukturmerkmal jeder technisierten Gesellschaft. Durch und durch beherrscht wird von diesem Imperativ aber erst die digitalisierte Gesellschaft von heute. Erst hier konnte der technische Imperativ zur Supertechnologie der Manipulation ausgebaut werden. Man gewöhnt sich nämlich heute ganz von selbst daran, überall nur noch dasjenige Tool zu bedienen, von dem versprochen wird, dass es das effektivste ist bzw. gewesen sein wird.
Worst-Case-Szenarien sind dabei allgegenwärtig, beispielsweise wenn man im Alltag denkt: Bevor ich auf der Heimfahrt mit dem Auto im Stau stehe, vertraue ich lieber meinem Navi statt meinen eigenen Ortskenntnissen und meiner Spontaneität. Oder wenn jemand dem stillschweigenden Imperativ folgt: Bevor ich irgendjemanden brüskiere und ich mich selbst ins gesellschaftliche Aus schieße, bediene ich doch lieber den eindeutigen Gender-Code. Oder wenn es leisedenkt: Bevor ich als Trottel gelte, der nicht „der Wissenschaft folgt“, mache ich doch lieber aktiv bei allen technischen und digitalen Anwendungen mit. Bevor ich negativ auffalle, passe ich mich lieber an. Damit gehe ich sicher, und es kostet mich nichts. Dieser vorauseilende Gehorsam ist natürlich ein Trugschluss. Denn er kostet die eigene Sprach- und Ausdrucksfähigkeit, das ästhetische und moralische Empfinden, den politischen Orientierungssinn, die Beziehungsfähigkeit, die Entwicklungs- und Lernbereitschaft, den eigenen Gestaltungswillen und die Zukunftsoffenheit. Der Foresight-Reflex ist eine Falle, die zu radikalem Antihumanismus führt. Menschen werden mit all ihren intellektuellen, emotionalen und sozialen Fähigkeitensystematisch erniedrigt, lächerlich und krank gemacht. Sie machen sich selbst lächerlich: Am Ende verkauft man, völlig sorglos, die eigene Großmutter im Lockdown. Die innovativ getunte, aber tatsächlich bloß bequeme Entscheidung – die gar keine Entscheidung ist – kostet das Leben. Das ist die Foresight-Falle.
3. Rückkehr zur Risiko- und Technikfolgenabschätzung
Wie die Foresight-Falle unseren digitalen Alltag beherrscht, das beschreibt der französische Philosoph und Publizist Eric Sadin. Sadin ist über Theater und Kunst zum Thema gekommen. Seit dem Jahr 2000 veröffentlicht er regelmäßig, seit 2011 jährlich ein kritisches Buch zur Digitalisierung. Als kürzlich – am 10. Februar 2025 – Emmanuel Macron seinen spektakulären AI-Gipfel in Paris abhielt, hatte Sadin zusammen mit der Gewerkschaft der Journalisten einen Gegengipfel organisiert. Die französischen Medien berichteten. Sie brauchen Sadin als Figur des Widerspruchs für die Inszenierung von Debatten oder Pseudodebatten. In Spanien und Lateinamerika wird der Digitalisierungskritiker eifrig übersetzt, in Deutschland wird er ignoriert.
Dabei ist Sadin kein Ideologe. Er fordert nichts weiter als die Rückbesinnung auf die schädlichen Folgen und Langzeitfolgen der Digitalisierung. Um diese Folgen zu ermessen, schreibt er die Geschichte der Digitalisierung. Er beschreibt sie als eine Entwicklung, die mit verführerischen Versprechen begann – nicht nur mit Bequemlichkeits- und Effizienzversprechen, sondern vor allem mit Emanzipationsversprechen darüber, was wir mit den Algorithmen alles Progressives, Moralisches und Nützliches erreichen können. Heute mündet diese Geschichte zusehends in dem unausweichlichen Digitalisierungszwang, dem sich alle unterwerfen müssen.
Die historische Wende in dieser Entwicklung von der freien Möglichkeit hin zum willenlosen Zwang bildet die Anwendung professioneller digitaler Expertensysteme seit den 1990er Jahren, besonders in der Medizin. Heute stehen solche Systeme als App auf jedem SmartPhone bereit. Das Paradigma der Alltags-Digitalisierung sind Menschen, die wie Dauerpatienten mit tragbaren oder implantierten Geräten beständig ihre Körperfunktionen kontrollieren, um jedem Eventualfall eines Gesundheitsrisikos vorausschauend entgegenzuwirken. Beworben werden die digitalen Anwendungen mit einer aufdringlichen Mischung aus Krankheitsdrohung und Erlösungsversprechen. Die praktische menschliche Intelligenz, die das hinterfragen würde, wird von den Usern gerne eingetauscht. Sie tauschen sie gegen exakte Echtzeit-Daten über ihre körperliche Verfassung und vor allem gegen die hochindividualisierten Handlungsanweisungen, die für ihr Gesundheitsverhalten automatisch folgen. Die User denken: Mit diesen Anweisungen können sie nicht fehlgehen, weshalb sie sie befolgen müssen und ohne Weiteres auch befolgen wollen. Nicht nur in der Medizin überlassen sie den Algorithmen mittlerweile die vollständige Entscheidungsmacht über ihr Leben. Dieses Regime weise vorausschauender Algorithmen stürzt Individuum und Gesellschaft erst recht in eine Falle:Schon auf den Einzelnen hat es destruktive Wirkungen, die diejenigen der klassischen Maschine weit übertreffen. Die klassische Maschine unterwirft den Menschen. Jacques Ellul hatte als paradigmatisches Beispiel die Dampfmaschine genommen, die dem Heizer Rhythmus und Bewegungen aufzwingt und ihm lebenslang den Rücken beugt. Aber das Regime der digitalen Organisation durchdringt und absorbiert die Menschen und ihre Gesellschaft. Sie standardisiert sie, genauso wie die Abläufe, denen sie sich fügen. Jacques Ellul hat das erläutert: Wo die mathematische Berechnung das menschliche Handeln regiert, da gibt es keine Entscheidung mehr und keinen Widerspruch: Vier ist immer mehr als drei, sagt Ellul. Wer also denjenigen Apparat bedient, der ihm verspricht, mit Maßnahmen Millionen Menschenleben zu retten oder das 1,5-Grad-Klimaziel, der hat immer Recht. Die Maschine diskutiert nicht. Warum also sollte man über Maßnahmen diskutieren, die vier statt drei versprechen?
4. Technik statt Wissenschaft in der digital technisierten Gesellschaft
Jacques Ellul hat beschrieben, wie seit dem 19. Jahrhundert immer zuerst die Wissenschaftler von der technischen Organisation unterworfen wurden. Denn nicht Wissenschaft führt zu technischen Fortschritten – Ellul meint, das ist schon lange nicht mehr so. Man denke an die notwendigen Labore und Apparate, die Algorithmen und Programme, an die technisierten Organisationsabläufe, den künstlichen Zeitdruck, die Sterilität im sozialen Umgang: Wissenschaft ist mittlerweile so abhängig von der Technik, dass tatsächlich die Technik die Wissenschaft beherrscht. Spontaner Einfallsreichtum, individuelle kritische Perspektiven und die Lust am Streit, die allesamt notwendig sind für wissenschaftliches Denken, hat dort keinen Raum. Es ist also umgekehrt: In der technisierten Gesellschaft, wo der Mangel an Spontaneität und Kreativität herrscht, da hat die Technik die besten Voraussetzungen. Sie entwickelt sich so schnell, dass ausgerechnet die Wissenschaftler gar nicht mehr hinterherkommen. Man erfährt das in den Geisteswissenschaften, die sich digitalisieren, ohne mit den Instrumenten ihrer erfolgreichen Tradition sagen zu können, wozu ihnen diese Digitalisierung nützt. Aber das Phänomen betrifft auch die exakten Wissenschaften. Bernd Simeon, Professor an der TU Kaiserslautern, hat das für die angewandte Mathematik eingestanden: Schon lange vor Big Data und KI waren die Mathematiker nicht mehr in der Lage, die Ergebnisse ihrer Modellierungen nachzuvollziehen. Im Ergebnis geschieht, was Ellul schon sah: Die Technik schafft die Wissenschaft ab. Was großspurig-propagandistisch Wissenschaft genannt wird, das ist tatsächlich bloß Technik. So kam es, dass im Corona-Lockdown weißbekittelte Experten in einfachster Sprache, vor dem Hintergrund martialischer Bilder und mit zahlentechnischem Blendwerk die Katastrophe vermittelten, während auf die wissenschaftlich unabhängigen Fachleute der zuständigen Disziplinen nicht gehört wurde.
5. Krise der symbolischen Macht
Die Corona-Jahre waren ein Meilenstein der forcierten Technisierung von Mensch und Gesellschaft. Verstärkt wurde in dieser Zeit die sowieso anhaltende Krise der symbolischen Macht. Mit diesem Terminus der symbolischen Macht meinte der französische Soziologe Pierre Bourdieu die ewig unausgesprochenen, impliziten Anweisungen, denen die Menschen im sozialen Verkehr wie durch Magie folgen: die kleinen, anscheinend unbedeutenden Gesten, Blicke und Sanktionen, die an der Oberfläche des Bewusstseins unbedenklich sind, aber als suggestiv einschüchternde Signale hochwirksam. Wir lernen sie unbewusst durch Nachahmung, denn symbolische Macht wirkt still undleise. Ihre zwingenden Befehle sind unsichtbar. All das gilt auch für den technischen bzw. digitalen Foresight-Imperativ: In der digitalisierten Gesellschaft lernen wir nicht mehr im sozialen Umgang voneinander, sondern wir haben die symbolische Macht an die Foresight-Technologie abgegeben.
Der Foresight-Imperativ regiert auf dieselbe magische Weise wie die symbolische Macht. Das heißt, bei Bourdieu. weder als Manifestation einer persönlichen Willensfreiheit, noch als „passive Unterordnung unter einen äußeren Zwang“. Bourdieu sagt: „Jede symbolische Macht verlangt von denen, die sie erdulden, eine Art Komplizenschaft.“ Symbolische Macht unterscheidet daher nicht zwischen Können, Wollen und Müssen. Sie entsteht noch vor jeder ethischen Reflexion. Sie zu kritisieren und ihre Verhältnisse zu ändern, ist schwierig genug. Aber nun kommen noch die Foresight-Ingenieure dazu, die dieses konspirative Prinzip ausbeuten, indem sie autoritär verfügen, dass sie Millionen Tote werden gerettet haben müssen, ohne vorher mit Sachverstand zu prüfen, ob sie das können, weil sie nämlich noch etwas ganz anderes dabei wollen.
Die Vermischung von Wollen, Können und Müssen im Bereich der Digitalisierung erklärt Eric Sadin: Hier kommt sie vom sozialen Typus des „visionären Unternehmergenies“ aus dem Silicon Valley, der in den 1990er-Jahren entstand. Dieses digitale Genie verbreite den „silikonischen Atem“ des Schicksals. Das heißt: Es verbreitet einerseits Mutmaßungen und abenteuerliche Projektionen über neue technische Anwendungen, von denen sich niemand sicher ist, ob sie überhaupt umgesetzt werden können. Zugleich verkündet es mit schicksalhafter Gebärde, dass die Innovation unausweichlich ist und garantiert von der größten Nützlichkeit für die Menschheit. Jeder, der nicht mitmacht bei dieser schwindelerregenden Gratwanderung zwischen Allmacht und Ohnmacht, bekommt von den Digitalisierern mitgeteilt, „auf der falschen Seite der Geschichte“zu stehen.
Genau besehen ist die menschliche Schwäche zwischen Allmacht und Ohnmacht natürlich etwas völlig Alltägliches und Unspektakuläres. Im Angesicht der offenen Zukunft sind wir oft unsicher, ob wir Entscheidungen, die wir einmal getroffen haben, nicht im Nachhinein werden bereuen müssen. Mit dieser Unsicherheit leben Menschen seit jeher. Aber jetzt überlassen wir sie der Foresight-Industrie. Sie verkauft uns nicht nur digitale oder pharmazeutische Anwendungen, die beinharte Entscheidungssicherheit versprechen. Sie verkauft uns auch ihre Worst-Case-Modelle, das heißt: die Unsicherheit, die es für den Absatz der Sicherheitsversprechen braucht. Die menschliche Unsicherheit wird abgeschafft, indem sie ausgebeutet wird – so, wie es mittlerweile mit allen menschlichen Gefühlen geschieht.
Jacques Ellul und Eric Sadin haben gesehen, dass das kein Problem des Kapitalismus, der Eigentumsverhältnisse und wirtschaftlichen Interessen ist, sondern der technisierten bzw. digitalisierten Gesellschaft. Gefühle, Unsicherheit, Angst vor dem Risiko der falschen Entscheidung – all das stört den Ablauf der technischen Organisation. Doch eliminieren kann man die untechnischen Gefühle nicht. Deshalb werden sie technisiert: Die Foresight-Technologen transformieren die Unsicherheit und Ohnmacht in berechnete Allmachtsgefühle. Wer heute den digitalen Anwendungen vertraut, ist nicht mehr seiner Spontaneität, Intuition und Intelligenz ausgeliefert. Nicht mal mehr der Wirklichkeit, weil die nämlich am Bildschirm aufhört, widerständig zu sein. Jeder, der in der Lage ist, ein Smartphone in der Hand zu halten,lebt heute in der Illusion unbegrenzter Macht, nicht mehr nur das digitale Start-Up-Genie. Die Bildschirme geben ihm das trügerische Gefühl, unfehlbar über jeder Realität zu stehen. Noch bevor irgendein Problem verstanden worden ist, ist es schon gelöst.
Für die angeblich aufgeklärte und demokratische Gesellschaft ist das folgenreich: Politik und Wissenschaft werden sehenden Auges abgeschafft. Kaum jemand entscheidet noch in dem Sinne, dass er unter Anstrengung versucht, die notwendigen Bedingungen seines Handelns zu erkennen und von den eigenen Fähigkeiten sowie der eigenen Willensfreiheit zu unterscheiden. Es herrscht das Prinzip, das Eric Sadin suivisme genannt hat und das man schnöde als Mitläufertum übersetzen muss. Der stille digitale Imperativ erreicht auf magische Weise die größte Konformität und universell-automatisierte Anpassung: Das Wichtigste ist, dass man vorausschauend mit dem Apparat und den Daten mitfließt. Der Fluss der Daten bestimmt den Fluss unseres Lebens: die PCR-Inzidenzen, der R-Wert, die Herzfrequenz, der CO2-Wert, die AfD-Werte, die Antisemitismuswerte … Tatsächlich ist der allerschrecklichste Worst-Case nicht der vorzeitige Grippe-Tod der Eltern oder der Schulabbruch der Tochter, die unter der staatlichen Corona-Repression an Bulimie erkrankt ist. Der Worst-Case ist es, diesen weisen technischen Daten zu widersprechen und dadurch irgendwo im gesellschaftlich-digitalisierten Raum Anstoß zu erregen.
Ein Teufelskreis ist entstanden. Denn wo niemand mehr entscheidet und wo Kritik als Worst-Case gilt, da wird die Technik erst recht zum unwidersprochenen und gewissenlosen Selbstzweck. Jacques Ellul zitiert Jacques Soustelle, der in der französischen Politik eine schillernde Figur abgab. Über die Atombombesoll Soustelle gesagt haben: „Puisque c’est possible, c’est obligatoire“ – weil die Atombombe angewandt werden kann, muss sie angewandt werden.Der Historiker Jörg Friedrich hat das zuletzt bei Kontrafunk aktuell anhand des Bombenkriegs 1944/15 erklärt. Die Frage, ob es militärisch einen Grund gab, Dresden und Hiroshima zu bombardieren, sei falsch gestellt, meinte Friedrich. Tatsächlich habe es keinen Grund gegeben, sie NICHT zu bombardieren. Nachdem nämlich von einem teuren technischen Apparat in USA und Großbritannien ausgetüftelt worden war, wie man solche Großstädte total vernichten kann, galt das technische Prinzip „Kapazität verlangt Auslastung“. Die Möglichkeit musste umgesetzt werden. Dasselbe Prinzip sehen wir überall im Alltag: Seitdem die Änasthesie erfunden wurde, werden überflüssige Operationen durchgeführt, das sah schon Jacques Ellul 1954. Er sah auch die polizeilich-präventiven Überwachungstechniken: Sie sind letztlich darauf ausgerichtet, jedes aktive Eingreifen der Polizei durch vorlaufende Rückkopplung, Kontrolle und Konformismus überflüssig zu machen. Sie werden – freundlich und diskret, aber mit Notwendigkeit – ins KZ führen. Ellul versichert: Es wird nur ein Verwaltungs-KZ sein, nicht das KZ der deutschen Nationalsozialisten. Techniken, die einmal da sind, werden angewandt: Die Atombombe, mRNA-Kommandos auf Schulhöfen, KI-gesteuerte Drohnen fürs Gemetzel an der Front, die digitale Identität, das Zoom-Meeting am Schreibtisch, die berechnete Beschimpfung der Kinder als Pestratten und Mörder – all das sind heute „aufsuchende Angebote“. Kaum jemand erhebt gegen sie auch nur ein Wort.
Für Berufspolitiker ist das wichtigste Versprechen dieser gesellschaftlichen Technisierung das Versprechen ewiger Unangreifbarkeit. Ob sie wohl mit der Autonomie der Technik rechnen? Ihr Corona-Mitläufertum war exemplarisch: Von ihren Experten haben sie sich in einen Vorausschau-Reflex treiben lassen, der ihnen Allmachts-Gefühle vermittelte, sie aber tatsächlich in eine entwürdigende, asymmetrische Machtbeziehung versetzt hat. Sie haben sich nicht nur schlechten Beratern ausgeliefert, sondern einer unkontrollierbaren Technik: Nicht sie haben den Lockdown beherrscht, der Lockdown hat sie beherrscht. Auf Verbote folgten noch mehr Verbote und schon bald die offene, immer aggressivere Gewalt gegen die, die trotzdem protestierten. Solche Überreaktionen beschreibt Bourdieu als Leidenschaft der Macht. Zum Vergleich nahm er die Figur des Professor Unrat aus dem Roman Heinrich Manns. Unrat ist in die Liebes-Falle geraten und hat sich selbst zerstört. Heute ist es die Foresight-Falle, die eine Krise der Institutionen und der Gesellschaft ausgelöst hat. Aus den trunkenen Allmachts-Phantasien der optimal gesteuerten Gesellschaft ist das Gegenteil geworden: Denn eine Gesellschaft, die sich aus stiller Gewöhnung vormachen lässt, nur noch sagen und tun zu dürfen, was eine vorausschauende technische Weisheit wie der R-Wert oder das 1,5-Grad-Klimaziel sagen, wird asozial und unregierbar. Heute glauben gewählte Regierungspolitiker, dass sie die Autorität und symbolische Macht, die sie kraft ihres Amtes haben, gegen die Opposition mit der nackten Gewalt von Wasserwerfern und Hausdurchsuchungen, Zensurgesetzen und Spitzeln, Parteiverboten und inszenierten Demonstrationen durchsetzen müssen. Sie haben offenbar, wie Professor Unrat, den Respekt vor ihrem Amt längst verloren. Wer dem noch etwas untechnisch Politisches entgegensetzen will, der achte auf seine Muttersprache: Der unterscheide beim Sprechen pfleglich zwischen dem unabänderlichen Gestern und dem offenen Morgen, zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit. Der lege die digitalen und futurologischen Beratungsassistenten einmal aus der Hand und bedenke, was er ohne sie kann, will und muss.